Nowruz – Frühling in Bischkek

Es ist Frühling in Bischkek. Nach vielen Regengüssen und den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres wird die Stadt endlich wieder grün.

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Nowruz – das kirgisische Neujahr, das auch in Persien, dem Kaukasus und in ganz Zentralasien gefeiert wird, markiert den Übergang zwischen den kalten Tagen des Winters und der neugefundenen Wärme des Frühlings. Ich hatte das Glück, den Feiertag mit kirgisischen Freunden auf dem Land verbringen zu können.

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Vor ein paar Monaten wurde ich von Aygul, einer unglaublich lieben und taffen Dame Anfang sechzig, zu ihrer „Gasttochter“ ernannt. Aygul wohnt in Kara-Balta, einer Kleinstadt, die ca. eine Stunde von Bischkek entfernt liegt. Am Morgen des 21.03. fuhren wir gemeinsam von dort aus in ein kleines Dorf, in dem sie früher gelebt und als Lehrerin gearbeitet hatte.

Die Feierlichkeiten fanden auf dem Gelände der Schule statt. Dort führten Schüler, zwischen Ansprachen und Livemusik, traditionelle Tänze vor und es wurden Spiele wie Tauziehen oder Wettrennen gespielt. Nachdem das Programm sein Ende gefunden hatte, wurde in den Klassenzimmern im Familien- und Freundeskreis gegessen, getrunken, gesungen und gelacht.

Es gab Borsok (frittierte Teigstückchen) und Plow (zentralasiatisches Reisgericht), die vorher in großen Töpfen für alle zubereitet wurden. Außerdem wurden Salate, selbstgemachte Pferdewurst, Obst, Süßigkeiten und Tee bereitgestellt.

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Mit Nowruz feiert man das Ende des Winters und den Beginn eines neuen Erntejahres. In Kirgistan ist, neben dem Feiern und Essen mit Familien und Freunden, das Kochen von Sümölök eine wichtige Tradition. Sümölök ist eine Art Brei aus Weizen, der im Familienkreis draußen über Feuer gekocht wird. Das Kochen von Sümölök nimmt 24 Stunden in Anspruch. In den ersten paar Stunden muss konstant gerührt werden. Dazu versammeln sich Familie und Gäste um das Feuer und unter Gesprächen und Wünschen fürs neue Jahr wird sich mit dem Rühren abgewechselt. Traditionell befinden sich sieben Wallnüsse und sieben Steine im Topf.

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Ich habe es sehr genossen, Nowruz auf diese Art und Weise zu verbringen und vom Kochen des Sümölöks am Vorabend bis zu den Feierlichkeiten am nächsten Tag mitfeiern zu dürfen. Nun bin ich vollends im Frühling angekommen.

Infos und über den Tanz ins neue Jahr

Die Infos:

Mein Sprachgefühl ist momentan komplett durcheinander. Russisch mischt sich mit Englisch und Englisch mit Deutsch und umgekehrt. Das ist natürlich gut und wunderbar. Ich bin jeden Tag besser in der Lage Russisch zu reden und außerhalb der WG verständige ich mich hauptsächlich auf Englisch, falls mein Russisch dann doch nicht ausreicht. Das eigentlich nur als kleine Bemerkung vorne weg. Eventuell schleichen sich in meine Einträge ein paar Sätze mit englischem Satzbau ein und vielleicht werde ich in der Zukunft auch ein paar Einträge komplett auf Englisch veröffentlichen – der Einfachheit halber.

Und da mich immer wieder eine Menge Fragen aus der Heimat erreichen habe ich mich nach einem kleinen Stupser vom Dornröschen-Wolle-Team dazu entschieden, jeden zweiten Donnerstag ein paar „Fragen aus der Heimat“ zu beantworten. Der erste Eintrag dieser Rubrik wird bereits morgen zu lesen sein.

Über den Tanz ins neue Jahr:

Nach dieser kleinen Infobox wünsche ich allen ein wunderschönes und großartiges Neues Jahr!

Sylvester und damit auch das kirgisische Weihnachten habe ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen und mit den Kindern im Heim verbracht.

2018 hätte nicht besser beginnen können. Tanzend zu russischer Musik und unter Kinderlachen verstrichen die letzten Minuten des alten und die ersten Minuten des Neuen Jahres.

Der Tanz- und Veranstaltungsraum wurde erst für Spiele und später dann als Disko genutzt. Gemeinsam mit Kleinsten und den Ältesten wurden „Reise nach Jerusalem“ und andere Gruppenspiele gespielt. Zwei ehemalige Heimjungen, die inzwischen als junge Erwachsene immer noch aushelfen, waren Weihnachtsmann und DJ. Die Mädchen hatten die Chance ihre schönsten Ballkleider zu tragen. Ein Betreuer, der eigentlich frei hatte, verbrachte sein Neujahr trotz dessen, wie auch die zehn Jahre zuvor, mit „seinen“ Kids. Die Betreuer, die arbeiten mussten, bekamen ein kleines Weihnachtsgeschenk von den Kindern.

Nach den Spielen gab es ein kleines Festmahl und dann Feuerwerk. Daraufhin gingen die Kleinen ins Bett und die Älteren tanzten gemeinsam mit uns ins neue Jahr hinein.

Ich bin unglaublich dankbar für dieses unglaublich schöne und einmalige Sylvester, das ich nicht anders hätte verbringen mögen.

bunt, laut, fröhlich und satt

Dank des günstigen Zeitpunktes unserer Anreise hatte ich die Gelegenheit bereits in unserer ersten Woche hier zwei große Feiertage mitzuerleben.

Den Tag der Unabhängigkeit am 31. August und das Opferfest, was in diesem vorrangig muslimischen Land weitläufig gefeiert wird und in diesem Jahr auf den 01.-03. September fiel.

So genoss ich am Abend des 31. die lebendige Atmosphäre und die Feierlichkeiten auf dem Ala Too Platz. Vier Stunden lang traten kirgisische Popstars auf. Über dem Platz gespannte Lichterketten malten eine rot, goldene Sonne an den immer dunkler werdenden Sommerhimmel. Kinder liefen überall herum und Erwachsene lachten. Ein Feuerwerk bildete den krönenden Abschluss des Abends. Auf diese Weise wurden 26 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion groß und bunt und laut und fröhlich gefeiert.

Das Wochenende des Opferfestes verbrachten wir in der kleinen Stadt Karabalta, die mit dem Bus etwa zwei Stunden von Bischkek entfernt ist. Eingeladen von Tynara, die vor einigen Jahren als Au-pair in Deutschland gewesen war, hatten wir die Gelegenheit mit ihrer Familie das Fest ganz traditionell kirgisisch zu verbringen und gleichzeitig die kirgisische Gastfreundschaft, von der wir schon so viel gehört hatten zu genießen.

In Kirgistan zieht man beim Opferfest von Haus zu Haus und besucht Familie und Freunde, um mit jedem ein wenig Zeit zu verbringen und eine Kleinigkeit zu essen.  Ziel ist es am ersten Tag des drei Tage langen Fests mindestens sieben Häuser zu besuchen. Damit keiner der Gäste hungrig nach Hause geht, ist in jedem Haus eine Tafel mit einem Überfluss an Köstlichkeiten gedeckt, die von Gebäck über Obst bis hin zu traditionellen, herzhaften Gerichten wie Laghman alles bereithält.

Und so haben wir gegessen und geredet und gelacht, bekamen einen Tee nach dem anderen angeboten und obwohl wir nicht ganz sieben Häuser besuchten lernten wir eine ganze Menge neuer Menschen kennen. Obwohl ich während dieses Wochenendes von Zeit zu Zeit ein bisschen überfordert mit der Sprache und der überwältigenden Masse neuer Eindrücke war, war dieser erste tiefere Einblick in die kirgisische Kultur vor allem Eines: ein unbezahlbares Geschenk.

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