bunt, laut, fröhlich und satt

Dank des günstigen Zeitpunktes unserer Anreise hatte ich die Gelegenheit bereits in unserer ersten Woche hier zwei große Feiertage mitzuerleben.

Den Tag der Unabhängigkeit am 31. August und das Opferfest, was in diesem vorrangig muslimischen Land weitläufig gefeiert wird und in diesem Jahr auf den 01.-03. September fiel.

So genoss ich am Abend des 31. die lebendige Atmosphäre und die Feierlichkeiten auf dem Ala Too Platz. Vier Stunden lang traten kirgisische Popstars auf. Über dem Platz gespannte Lichterketten malten eine rot, goldene Sonne an den immer dunkler werdenden Sommerhimmel. Kinder liefen überall herum und Erwachsene lachten. Ein Feuerwerk bildete den krönenden Abschluss des Abends. Auf diese Weise wurden 26 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion groß und bunt und laut und fröhlich gefeiert.

Das Wochenende des Opferfestes verbrachten wir in der kleinen Stadt Karabalta, die mit dem Bus etwa zwei Stunden von Bischkek entfernt ist. Eingeladen von Tynara, die vor einigen Jahren als Au-pair in Deutschland gewesen war, hatten wir die Gelegenheit mit ihrer Familie das Fest ganz traditionell kirgisisch zu verbringen und gleichzeitig die kirgisische Gastfreundschaft, von der wir schon so viel gehört hatten zu genießen.

In Kirgistan zieht man beim Opferfest von Haus zu Haus und besucht Familie und Freunde, um mit jedem ein wenig Zeit zu verbringen und eine Kleinigkeit zu essen.  Ziel ist es am ersten Tag des drei Tage langen Fests mindestens sieben Häuser zu besuchen. Damit keiner der Gäste hungrig nach Hause geht, ist in jedem Haus eine Tafel mit einem Überfluss an Köstlichkeiten gedeckt, die von Gebäck über Obst bis hin zu traditionellen, herzhaften Gerichten wie Laghman alles bereithält.

Und so haben wir gegessen und geredet und gelacht, bekamen einen Tee nach dem anderen angeboten und obwohl wir nicht ganz sieben Häuser besuchten lernten wir eine ganze Menge neuer Menschen kennen. Obwohl ich während dieses Wochenendes von Zeit zu Zeit ein bisschen überfordert mit der Sprache und der überwältigenden Masse neuer Eindrücke war, war dieser erste tiefere Einblick in die kirgisische Kultur vor allem Eines: ein unbezahlbares Geschenk.

Ein Wirbel an Eindrücken

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Die letzten 10 Tage, meine ersten 10 in dieser Stadt, in diesem Land, waren unglaublich voll und aufregend und schön. Ich habe das Gefühl in dieser kurzen Zeit mehr erlebt und gesehen zu haben als in Deutschland im letzten halben Jahr.

Da waren natürlich die Ankunft und die ersten Erkundungen der Stadt. Da war das erste Kennenlernen der kirgisischen Küche. Da war das Miterleben des hiesigen Unabhängigkeitstages am 31.August. Da war der Wochenendausflug nach Karabalta, eine Kleinstadt, die etwa 2 Stunden von Bischkek entfernt ist. Da war das Feiern des Opferfestes – wir hatten das Glück von einer kirgisischen Familie eingeladen zu werden. Da ware die erste Maschrutka-Fahrt, das erste Schlendern über den Osh-Basar und die ersten Arbeitstage im Heim.

Diese Liste könnte ich noch lange weiterführen und ich würde gerne ausführlich über jede Einzelne dieser Erfahrungen berichten. Leider geht das nicht und so werde ich anfangen nach und nach, Blogeintrag für Blogeintrag, kleine Momentaufnahmen zu teilen, während ich beobachte und kennenlerne, meinen Platz hier finde und mich Stück für Stück in Bischkek und Kirgistan verliebe.

Wie Legosteine in einer Playmobilwelt

Ebenso zogen die Städte und Dörfer, die Flüsse und Seen unter uns vorbei. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Istanbul erreichten wir letzte Woche Dienstag, früh morgens um sechs, Bischkek.

Der erste Tag wurde mit auspacken und schlafen und einer ersten kleinen Erkundung der Stadt verbracht. Neben dem Aufnehmen und Beobachten und Verarbeiten der ersten Eindrücke, freuten wir uns zunächst über Eines: die Sonne. Nach ein paar verregneten und relativ kühlen Monaten in Deutschland schien die Aussicht noch ein wenig Sommer genießen zu dürfen wie ein Geschenk.

 

Fliegen

Das ist alles was noch bleibt. Das Visum ist abgeholt, das Vorbereitungsseminar hat noch Einiges an Sicherheit gegeben, der Koffer ist gepackt und die Meisten schon verabschiedet. In weniger als 48 Stunden werde ich auf dem Weg sein und mich in erschreckend realer Weise auf der Schwelle zwischen zwei Lebensabschnitten befinden.

Und obwohl die letzten Wochen und Tage ein Wirrwarr aus Abschiedsschmerz und Vorfreude, aus Angst und Mut, aus Lachen und Weinen gewesen sind gehe ich diesen letzten Schritt mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einer unerschütterbaren Gewissheit im Herzen.

Ich habe das große Glück dabei eine Gruppe unglaublicher Menschen hinter mir stehen zu haben. Die mich vermissen werden, für die sich auch vieles mit meiner Abreise verändern wird und die mich trotz alle dem fliegen lassen.

Mit diesen Menschen genieße ich jetzt meine letzten Stunden in Deutschland, bevor ich am Montagmorgen ins Flugzeug steige und mich endlich auf den Weg machen werde nach Kirgistan.

Warum Kirgistan?

Warum nicht?

Also….

meine Entscheidung mit Weltwärts nach Kirgistan zu gehen, was eine eher ungewöhnliche Landeswahl ist, kam wie folgt zustande:

Ich wollte gerne einen Freiwilligendienst im Ausland machen, weil mich Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen fasziniert und ich mich gerne mit mir Fremden auseinandersetze. Ich bin auf meiner Suche nach der für mich richtigen Form des Freiwilligendienstes auf Weltwärts gestoßen und war von dem Programm und vor allem der Philosophie, also dem Gedanken, der Intention hinter dieser Form des Freiwilligendienstes begeistert.

Nach vielen Stunden Recherche, habe ich mich dann entschieden, mich bei VIA (meiner Organisation) für einen Weltwärts- Freiwilligendienst zu bewerben. Ausschlaggebender Grund bei der Wahl meiner Organisation war dabei, dass man sich bei VIA nicht auf ein bestimmtes Land beschränken muss, sondern sich für Kontinente, d.h. landesunabhängig für den Freiwilligendienst bewerben kann und soll. Sinn der Sache ist, dass im Mittelpunkt steht ein passendes Projekt zu finden, ohne sich dabei auf ein bestimmtes Land zu beschränken.

Da ich kein Wort Spanisch spreche habe ich Lateinamerika außen vorgelassen und mich für Afrika und Asien generell beworben. Letztendlich hatte ich verschiedene Projektvorschläge und musste mich zwischen meinem Projekt in Kirgistan und einem anderen Projekt in Indien entscheiden.

Die Entscheidung fiel mir mehr als schwer und am Ende hat nicht der Kopf, sondern das Herz entschieden. Vielleicht war letztendlich auch die Faszination ausschlaggebend, in einem für Westeuropäer eher unbekanntes Land zu leben.

So war, als ich den Projektvorschlag bekam, alles, was ich über Kirgistan wusste, dass es irgendwo in Zentralasien- „da bei Kasachstan“ – liegt. Während ich ein Bild von Indien hatte, dass von Filmen und Stereotypen und ein wenig Schulwissen geprägt war, erschien Kirgistan wie ein unbeschriebenes Blatt für mich.

Der wichtigste Grund für meine Entscheidung war allerdings das Projekt. In Kirgistan wurde mir ziemlich genau das Projekt vorgeschlagen, das ich bei meinem ersten Telefoninterview mit VIA auf die Frage „Wie würde dein absolutes Traumprojekt aussehen?“ hin, beschrieben hatte. Als ich das realisierte fiel die Entscheidung da auf einmal ganz leicht.

So habe ich mich letzten Winter also entschieden, mit Weltwärts nach Kirgistan zu gehen. Eine eher ungewöhnliche Wahl, aber eine, die ich bis jetzt keine Sekunde lang bereut habe. Im Gegenteil, meine Liebe, meine Faszination, und meine Vorfreude auf mein Projekt und auf Kirgistan wachsen von Tag zu Tag und ich kann es kaum noch erwarten endlich in den Flieger zu steigen und loszulegen, Land und Projekt wirklich kennen zu lernen.

Und dann ist da die Sache mit der Sprache

„Nach Kirgistan? Was spricht man denn da?“ – „Russisch.“ – „Kannst du denn russisch?“

In leicht abgewandelter Form und Wortlaut habe ich diese Konversation im Moment beinahe täglich. Und die Antwort ist nein. Ich spreche kein Russisch und auch kein Kirgisisch. Inzwischen habe ich mir per App circa das halbe kyrillische Alphabet beigebracht und kann mit schlimmsten deutschen Akzent „danke“ und „bitte“ und „wie geht es dir?“ sagen. Das ist dann allerdings auch schon das volle Ausmaß meiner kläglichen Russischkenntnisse. Leider.

Und um eine weitere Frage zu beantworten, die mir im Laufe einer solchen Konversation gestellt wird: Nein, ich habe keine Angst vor dieser Sprachbarriere, obwohl mein Verstand mir sagt, dass ich es sollte.

Vielmehr freue ich mich auf gerade diese Herausforderung und den Russisch- Crash- Course, der mir in den ersten Wochen in Bischkek definitiv bevorstehen wird. Die Aussicht, mich anfangs nur mit Zeichensprache, Englisch und gebrochenen Russisch zu verständigen, klingt zwar abenteuerlich, aber zaubert mir auch irgendwie ein Lächeln aufs Gesicht. Ich freue mich auf die Erfahrung, das Erlebnis, mich sprachlich noch mehr als kulturell ins kalte Wasser oder vielmehr in die Berglandschaft Zentralasiens zu werfen.

Und obwohl unsere Koordinatorin und Ansprechpartnerin vor Ort sowohl Englisch als auch Deutsch spricht und uns daher auf den anfänglichen Behördengängen etc. als Übersetzerin begleiten wird, spricht an meinem Arbeitsort, also meinem Projekt, kein einziger der Mitarbeiter Englisch oder Deutsch. Dort und bei vielen anderen Begegnungen wird es also heißen zu Improvisieren, sich in Geduld zu üben und möglichst schnell auf Russisch kommunizieren zu lernen.

Das Gefühl „Produktiv zu sein“

Mein gestriger Ausflug zur Botschaft ist erfolgreich überstanden und das Vorbereitungsseminar rückt immer näher. Der Gedanke bald erst mal zehn Tage weg zu sein hat mir anfangs der Woche noch Stress bereitet, ist nun aber zu einer schönen Aussicht geworden.

Stress deshalb, weil nicht zuhause sein bedeutet, keine Gelegenheit zu haben, alles Notwendige in Richtung Freiwilligendienst erledigen zu können. So war ich diese Woche im Zugzwang, in der sauren Apfel zu beißen. Das heißt im Klartext: zwei Impfungen, zwei Banktermine, der Visumsantrag, ein paar abgesendete Briefe und bestellte Kontaktlinsen.

Auf meiner Liste von Dingen, die noch unbedingt vor dem Seminar erledigt sein müssen, ist jetzt nur noch eines offen- Koffer für ebendieses Seminar packen!

 

Auf dem Weg nach Berlin

Wenn man vorhat, eine längere Zeit im nichteuropäischen Ausland zu verbringen, dann ist in der Regel Eines unabdingbar: ein Visum.

So sitze ich gerade im Zug nach Berlin, um dort die kirgisische Botschaft aufzusuchen. Es ist 6:43. Ich habe Hunger und ich bin müde und aufgeregt und nervös. Vor allem aber bin ich glücklich und da ist wieder diese Vorfreude, bald einen weiteren Schritt auf meiner Reise nach Kirgistan gegangen zu sein.

So ein Jahr wegzugehen ist eben schön, aber nicht immer einfach. Der Aufenthalt nicht und die Vorbereitungen auch nicht. Das gehört dazu.

Es gehört dazu, ein Telefonat mit der kirgisischen Botschaft halb auf Englisch, halb auf Deutsch zu führen, um einen Termin zu vereinbaren. Es gehört dazu, kurzfristig ein Zugticket nach Berlin zu buchen. Es gehört auch dazu, morgens um 4:00 aufzustehen, damit man pünktlich den Zug kriegt und es gehört dazu, immer wieder panisch zu checken, ob man auch alle Unterlagen dabei und richtig ausgefüllt hat. Das sind die Schattenseiten.

Genauso hat dieser kleine Visums-Trip nach Berlin natürlich auch unglaublich viel Positives an sich. So konnte ich zum Beispiel heute Morgen den Sonnenaufgang beobachten, ich habe außerdem Zeit auf der Zugfahrt ein bisschen nachzudenken, einen neuen Blogbeitrag zu schreiben und die Vorfreude auf Kirgistan und das Kribbeln im Bauch mal richtig zu genießen. Dank diesem Trip habe ich außerdem die Gelegenheit heute eine meiner baldigen WG-Mitbewohnerinnen persönlich kennen zu lernen und ich habe auch die Chance ein bisschen Berliner Luft zu schnuppern und mir vielleicht sogar das ein oder andere anzusehen, wenn mein Termin bei der Botschaft erledigt ist.

Und so freue ich mich heute auf Berlin und den Visumsantrag mit allem, was eben dazu gehört.

Vorfreude und Vorbereitungen

Die Vorfreude ist groß. Nachdem das Abitur nun endlich erfolgreich bestanden ist, kann ich mich mehr und mehr den Vorbereitungen für Kirgistan widmen. So lese ich momentan zwischen Arztterminen und Impfungen meine Reiseführer und Lektüren über Freiwilligendienste in Ländern des globalen Südens und versuche zwischen dem Kündigen und Unterschreiben von Verträgen ein bisschen Russisch zu lernen und mich mit dem kyrillischen Alphabet vertraut zu machen.

So anstrengend manche dieser vorbereitenden Schritte auch sein mögen, so befreiend und wunderbar fühlen sie sich auch an. Selbst der Zahnarzttermin bereitet da Vorfreude, weil einem klar wird, dass es jetzt endlich richtig losgeht. Endlich liegt der Freiwilligendienst, der Aufenthalt in Kirgistan, die Arbeit am Projekt nicht mehr nur in ferner Zukunft, sondern rückt immer näher. Anstatt sich „ein bisschen zu informieren“, fängt man an zu träumen. Welche Sehenswürdigkeiten möchte ich während des Aufenthaltes sehen? Und noch viel wichtiger, wie werde ich mich wohl mit den WG-Mitbewohnern verstehen?  Wie genau wird mein Projekt aussehen, wenn es nicht mehr nur eine Beschreibung auf dem Papier ist? Wie wird die Verständigung mit den Kindern des Rehabilitationszentrums anfangs funktionieren?

Diese Vorfreude ist schön, ein klein wenig mit Angst verbunden und ein bisschen mit Stress, aber insgesamt ganz wunderbar. Da ist ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch und ein Lächeln auf dem Gesicht, wann auch immer einem bewusst wird, ob nun beim Arzt oder beim Reiseführer lesen:  bald geht es los.

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