Vom Abschied und wie es weiter geht

Abschied ist hart und meine Zeit in Kirgistan ist fast zu Ende. Anfang August heißt es „Auf Wiedersehn“ zu sagen. Es heißt ins Flugzeug zu steigen und Bischkek kleiner und kleiner werden zu sehen und bald aus den Augen zu verlieren. Es heißt in der Luft zu sitzen und über Wolken zu schweben und ein paar Tränen zu vergießen und zu reisen und überzutreten von einem Lebensabschnitt in den nächsten.
Die nächste Woche wird teils schwer sein und teils ganz leicht wie atmen. In allem, was ich tue wird Melancholie mitschwingen und Freude und Traurigkeit und Dankbarkeit, dass ich Kirgistan so sehr lieben lernen durfte. Das letzte mal nach Kara-Balta fahren. Das letzte Mal im Lieblings -Café essen. Ein letztes Mal mit meinen Kindern lachen. Ein letzter Arbeitstag. Ein paar Abschiedsfeiern, die eine nach der anderen vorbeiziehen werden. Ein letztes Mal die vertrauten Straßen entlanglaufen. Ein letztes Mal gute Freunde in den Arm nehmen. Ein letztes Mal fürs erste, denn wiederkommen werde ich bestimmt.
Das Schöne ist, dass es weitergeht. Alles hat ein Ende. Das ist so, aber jedes Ende bedeutet auch ein Anfang. Ich habe viel, auf das ich mich freuen darf. Ich freue mich auf zwei wunderbare Wochen in Deutschland. Ich werde Freunde und Familie wiedersehen und die kleinen Dinge, die ich vermisst habe genießen so wie Naturjoghurt. Danach heißt es wieder in ein Flugzeug zu steigen – diesmal nach Schweden.
Ende August werde ich ein Studium in „Development Studies“, also Entwicklungsstudien, in Lund beginnen. Dort werde ich dann, inspiriert von Kirgistan und sicherlich in mancher Weise auch geprägt von meinen Erfahrungen hier, weiter lernen und mich weiter inspirieren und lassen von der Welt und den Individuen, die sie ein Zuhause nennen.

Meine Arbeit im Zentr reabilitazii detei i molodjoshi

Meine Zeit in Kirgistan und damit auch meine Arbeit im Zentr reabilitazii detei i molodjoshi neigt sich dem Ende zu.

Ich habe eine feste Rolle, einen festen Platz. Der Arbeitsalltag ist komfortabel. Meine Verbindung und Beziehung zu den kleinen und großen Individuen, mit denen ich zusammenarbeite ist mehr als gut. Die Einsetzstelle ist zentraler Dreh- und Angelpunkt meines Freiwilligendienstes und meine Arbeit dort hat mich geprägt und sich im Laufe des vergangenen Jahres konstant weiterentwickelt.

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Über meine Tätigkeiten im Zentr reabilitazii detei i molodjoshi und wie meine ersten Wochen dort verliefen kann man in einem meiner früheren Blogeinträge nachlesen, aber insgesamt sehe ich meine Rolle in der Einsatzstelle wie folgt: Ich bin für eine gelenkte Freizeitbetreuung zuständig. Obwohl Betreuer da sind, fehlt die Zeit, einer Zweitklässlerin beim Lesenüben zuzuhören oder mit einem Drittklässler erneut eine nichtverstandene Mathematikaufgabe durchzurechnen. Raum zum Basteln, Spielen von Brettspielen und Springseilspringen zu geben, gehört genauso zu meinen Aufgaben, wie auf die Handvoll von Kindern und Jugendlichen, die mit dem Wunsch Englisch oder Deutsch zu lernen auf mich zukommen, einzugehen und sie dabei zu unterstützen. Mehr Details gibt es auch in meinem Eintrag „Fragen aus der Heimat“.

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Wenn ich zurückdenke, merke ich, dass ich mit Situationen anders umgehe als noch vor 10 oder 11 Monaten. Ich schaffe es, besser zu koordinieren, wenn ich mit einer großen oder kleinen Gruppe von Kindern zusammenarbeite, und eventuelle Probleme beziehungsweise Reibungspunkte im Vorhinein zu erkennen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Ich kann besser einschätzen, was welches Kind braucht und wie die einzelnen Individuen auf zum Beispiel ein „Nein, heute nicht.“ reagieren.

Vor allem die Verständigung war anfangs eine Herausforderung. Trotz der Sprachbarriere gelang es mir zwar relativ schnell eine Beziehung zu vielen der Kindern aufzubauen, aber mit der Sprache kam auch das Vertrauen und eine Leichtigkeit, die mit Händen und Füßen und lediglich Bruchstücken Russisch oft gefehlt hat.  Mit jedem Wort Russisch, das dazu gelernt wurde, funktionierte die Verständigung nicht besser, denn gut war sie von Anfang an, sondern schneller und flüssiger.

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Die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen im Zentrum zeigt mir außerdem immer wieder, welchen Wert Zuverlässigkeit und verantwortungsvolles Verhalten haben. Kindern ist es egal, wie intelligent oder lustig oder sportlich man ist, solange man kontinuierlich da ist und Versprechen, betreffen sie auch nur so etwas Banales wie Hausaufgabenhilfe, hält. Es braucht eine Weile bis Vertrauen darin besteht, dass die Aussage: „Heute ist zum Tuschen keine Zeit mehr, wir machen das morgen Vormittag.“ wirklich bedeutet, dass am nächsten Morgen die Wassermalfarben herausgeholt werden.

Eine positive Entwicklung, die ebenfalls mit der Sprache entstand ist, dass der Umgang mit den Erzieherinnen und Erziehern des Heimes weitaus vertrauter wurde. In den ersten Monaten hieß die Sprachbarriere, dass man sich zwar lächelnd begrüßte, aber es nicht möglich war mehr zu tun, als aneinander vorbeizuarbeiten. Inzwischen unterhalte ich mich regelmäßig mit den Mitarbeitern. Ich weiß von den meisten, wie lange sie schon im Heim arbeiten, ob sie Kinder haben und zu welchem ihrer Schützlinge die Beziehung besonders gut ist. Obwohl unsere Arbeit an sich dennoch gleichgeblieben ist und die Zuständigkeitsbereiche weiter wie vorher klar definiert sind, macht jede Unterhaltung die Atmosphäre im Heim ein bisschen sonniger.

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Mein Ziel für die letzten Wochen meines Freiwilligendienstes ist es, den Alltag hier in Bischkek in vollen Zügen auszukosten. Ich will versuchen, möglichst viel Zeit im Heim zu verbringen und noch ein paar letzte Bastel- und Malaktionen zu starten und gemeinsam mit „meinen“ Kindern das Sommerwetter zu genießen. Zugegebener Weise tue ich mich schwer damit, mich schon so bald verabschieden zu müssen. Allerdings hat jeder Freiwilligendienst ein Ende und das Zurückkommen gehört genauso dazu wie das Ankommen und alles dazwischen. Ich weiß, dass ich viel gelernt habe in diesem Jahr und auch in den letzten Wochen noch versuchen will so viel wie möglich zu lernen und mitzunehmen.

Ein kleiner Denkanstoß

Normaler Weise berichte ich in diesem Blog über meinen Freiwilligendienst und nutze diese Plattform, um darüber zu schreiben, wie unglaublich schön Kirgistan ist. Ich teile meine eigenen subjektiven Erfahrungen – nicht mehr und nicht weniger. Ich glaube fest daran, dass jede Kultur weder besser noch schlechter ist als andere. Manchmal ist sie sehr anders, manchmal ähnlich und manchmal fühlt man sich wohl in dieser Andersheit oder Ähnlichkeit und manchmal ist sie einem zu fremd oder eben zu vertraut.

Meiner Erfahrung nach erlernt und erfährt man eine neue Kultur, indem man das, was man sieht, hört, schmeckt, riecht und fühlt vergleicht, mit dem, was man bis dahin kennt. Selbst wenn man versucht, ausschließlich zu erfahren und beobachten, gelingt es nicht immer, Wertung und unbewusstes Parallelen ziehen zu vermeiden.

So habe ich in jeder Kultur, in der ich bisher leben durfte, klare Rollenbilder erfahren. Die Gesellschaft im mittleren Westen der USA scheint genauso ungeschriebene Regeln und Ideen zu haben, was es heißt eine Frau, ein Mädchen, ein Junge, ein Mann, homosexuell, heterosexuell, transsexuell, asexuell, gläubig oder nicht usw. zu sein, wie die kirgisische Gesellschaft oder die deutsche. Abhängig von jedem Individuum in seiner jeweiligen Gesellschaft, scheinen diese Regeln und Ideen klar oder schwammig definiert, flexibel oder unflexibel, brechbar oder als ständiger Richtwert omnipräsent zu sein. Meiner Erfahrung nach, sind sie manchmal wichtig, manchmal nicht, aber da, im Hintergrund, sind sie immer.

Vor ein paar Wochen habe ich eine Gruppe Kinder im Kindergartenalter bei einem Spiel beobachtet. Die Erzieherin ließ die Mädchen gegen die Jungen auf „Hüpfpferden“ in einem Wettrennen gegeneinander antreten. „Für die Mädchen natürlich das pinke, für die Jungen das blaue Pferd“, wurden die Spielzeuge zugeteilt. Dann begann ein engagiertes Wettrennen, das nicht ohne kleinere Unfälle blieb. Als einer der kleinen Jungen hinfiel, riefen die Zuschauer ihm zu: „Wein nicht! Du bist ein Junge, raff dich auf, mach weiter!“. Als kurze Zeit später eines der Mädchen Bekanntschaft mit dem Boden machte, wurde es mit einer Umarmung und tröstenden Worten aus dem Spiel genommen.

Meine erste Reaktion auf diese Szene war Empörung. Nach kurzem Nachdenken realisierte ich, dass diese Situation genauso gut in Deutschland, genauso gut in den USA hätte stattfinden können und so oder ähnlich wohl in jedem Land dieser Welt immer wieder stattfindet. Ich kann an meine eigene Kindergartenzeit zurückdenken. Ich denke an meine Schwester, die dafür kritisiert wurde, dass sie lieber auf Bäume kletterte als mit Puppen spielte. Ich erinnere mich daran, wie mein Bruder – oft weiser als ich – sich echauffierte, warum sich nur die Mädchen hübsch machen dürften mit Kleider und Haarreifen. Um der Gerechtigkeit Willen trug er als Reaktion auf diese Realisierung am nächsten Tag eines meiner Kleider in den Kindergarten. An der amerikanischen High-School, die ich besuchte spielten nur die Jungen Football, nur die Mädchen Volley-Ball und während in meinem Physikkurs nur 2 Mädchen saßen, belegten kaum Jungen den Kochkurs.

Ich teile diese Beobachtungen, weil ich oft nach den Rollenbildern von Mann und Frau hier in Kirgistan gefragt werde. Gäbe es nicht ein klares Bild der Frau, deren Aufgabe es sei den Tee zu kochen und den Mann zu bedienen? Ob ich mich als junge europäische Frau in Kirgistan denn wohl fühle? Ob ich ein Problem mit den kulturellen und gesellschaftlichen Einstellungen hätte?

Die Antwort ist „Ja.“. Ja, in der kirgisischen Gesellschaft als abstraktes Konstrukt, so wie ich sie erleben durfte, gibt es relativ klar definierte Rollenbilder, die zu mindestens einem Teil der Bevölkerung als Vorbild dienen, einem anderen Teil nicht, genauso wie in Deutschland auch, wenn auch das Bild an sich vielleicht ein etwas anderes ist. Ja, ich fühle mich wohl hier, unabhängig von allen gesellschaftlichen Gedanken-Konstrukten. Und ja, ich denke, dass die kulturellen und gesellschaftlichen Einstellungen problematisch sind – allerdings nicht spezifisch die, der kirgisischen Gesellschaft, sondern die weltweit.

Es ist, meiner Erfahrung nach, nicht immer einfach in dieser Welt eine Frau zu sein oder ein Mann oder ein Mensch. Jeder von uns steht unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen. Unser Selbstbewusstsein, die Wege, die wir einschlagen, mit welchen Entscheidungen wir uns wohl fühlen, was wir und zutrauen- wird beeinflusst von unsichtbaren „Dos und Don´ts“, die wir von Geburt an eingetrichtert bekommen. Es ist fast unmöglich einfach nur Kind zu sein. Stattdessen sind wir Mädchen und Jungen. Wir dürfen miteinander spielen, interagieren, aber die Grenzen bleiben klar abgesteckt: Rosa oder blau, weben oder klettern, tanzen oder Fußball spielen, Puppen oder Autos. Immer wieder ein „oder“, immer wieder eine Grenze.

Natürlich stößt nicht jeder von uns andauernd auf diese unsichtbaren Grenzen. Aber irgendwo beeinflussen sie uns doch. Meiner Erfahrung nach, versuchen die meisten von uns bewusst oder unbewusst einen Platz zwischen diesen Rollen zu finden, indem man sie akzeptiert und sich arrangiert oder eben gerade nicht.

Sonnenschein, Blumen und Kinderlachen

Sommer, Sonne und Ferien für die Kinder Kirgistans. Im Heim liegt dieses Gefühl von Freiheit in der Luft, das nur Sommerferien in einem hervorrufen können. Der Alltag bleibt gleich und ist doch anders.

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Schulen in Bischkek arbeiten mit einem Schichtsystem. Das heißt, dass manche Kinder vormittags Unterricht haben, andere nachmittags. Das spart sowohl Raum als auch Lehrer. Im Heim gehen deshalb ein Teil der Kinder nach dem Frühstück in die Schule und kommen zum Mittagessen wieder und der andere Teil geht nach dem Mittagessen und kommt abends zurück. Für mich als Freiwillige bedeutete dieses System, dass ich sowohl vormittags als auch nachmittags immer mit einer begrenzten Gruppe von Schülern gearbeitet habe und nur abends und an schulfreien Tagen alle auf einmal da waren. Seit dem Anfang der Sommerferien sind immer alle da. Hausaufgaben gibt es nicht mehr, Gespräche über den Schultag auch nicht. Stattdessen werden mehr Ausflüge gemacht. Die Kinder gehen Baden. Die Sonne scheint heller und die Schulrucksäcke im Regal sind nicht mehr als Dekoration.

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Wir genießen das Sommerwetter. Spielen Frisbee, Springen Springseil und Stifte und Papier zum Malen werden mit nach draußen genommen, weil die Sonne zu schön und der Himmel zu blau ist, um drinnen zu bleiben. Die Blumen auf dem Gelände des Heims und in ganz Bischkek liefern sich einen Schönheitswettbewerb und machen die Stadt bunter und blühender. Haare werden heller und Haut wird gebräunter und frisches Obst ist überall präsent. Juni ist vielleicht mein Lieblingsmonat hier in Kirgistan.

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Auch bei einem Ausflug in die nahe gelegenen Berge oder ein Spaziergang durch einen der vielen Parks Bischkeks schwingt eine ganz besondere Magie mit. Die konstante Wärme und der Sonnenschein, zaubern allen ein Lächeln aufs Gesicht.

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Regentage in Bischkek

Frühling in Bischkek bedeutet Regentage in Bischkek – weitaus mehr Regentage zumindest als im Sommer oder Herbst oder Winter. Bis Anfang März habe ich fest an dem Gedanken festgehalten, dass es in Kirgistan so gut wie nie regnet, aber die letzten zwei Monate haben mich eines Besseren belehrt.

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Das Gute ist, ich liebe Regen. Regen ist so gemütlich. Regen bedeutet auch, dass die Stadt jeden Tag grüner wird und man förmlich zusehen kann wie das winterliche Grau verschwindet, Blätter wachsen, Blumen sprießen.

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An Regentagen ist auch die Atmosphäre im Heim eine ganz besondere. Es ist irgendwie ruhiger, gemütlicher. Gemeinsam sitzen wir auf dem Teppich im Zimmer und spielen Karten, rausgehen kann man schließlich nicht wirklich. Oder aber es wird gemeinsam Lego gebaut oder gewebt oder gemalt oder Klavier gespielt.

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Die Straßenhändler trotzen dem Regen. Geschützt von Sonnenschirmen werden weiter Blumen und Obst und Gemüse verkauft. So kann ich heute Abend eingekuschelt in meine Regenbogenkuscheldecke mit einer Tasse Tee die ersten Erdbeeren des Jahres genießen.

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Natürlich regnet es auch im Frühling nicht durchgängig, aber eben häufiger als sonst. Aber öfter noch als Regentage darf ich die warme Sonnenstrahlen und die blühende Stadt genießen. Frühling ist meine Lieblingsjahreszeit und mein Frühling hier in Kirgistan ein besonder schöner.

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